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Über die Orgel

Fritz Reinboth, ein Kenner der Knauf-Orgeln und Verfasser einer umfangreichen Monographie über die Orgelbauerfamilie Knauf schrieb uns folgenden Text zu unserer Orgel:

150 Jahre Knauf-Orgel in Wülfingerode

Die Orgel in Wülfingerode wurde vor genau 150 Jahren von Gottlieb Knauf aus Bleicherode für die neugebaute Kirche geschaffen. Sie gehört also zur originalen Ausstattung des denkmalgeschützten Gotteshauses. Möglicherweise geht der für den Erbauer ungewöhnliche Flachfeldprospekt mit einem großen, rundbogigen Mittelfeld und zwei Seitenfeldern auf einen Entwurf des Architekten der Kirche zurück. Da alle Bauakten 1865 bei einem Großbrand verlorengegangen sind, läßt sich dies allerdings nur vermuten.

Gottlieb Knauf (1810-1872) hat vorwiegend kleinere Orgeln in den Dörfern um Bleicherode und im Eichsfeld gebaut. Sein größtes bekanntes Instrument in Leimbach (21 Register) ist klanglich erheblich entstellt, die zweitgrößte in Keula (18 Register) leider verwahrlost und zur Zeit nicht spielbar. So ist die seit 150 Jahren so gut wie unveränderte Orgel in Wülfingerode mit ihren 16 Registern eine Besonderheit mit hohem Denkmalwert.

Das klangschöne, kraftvolle Instrument hat mechanische Schleifladen und eine Spieltraktur mit sogenannter Winkelmechanik, wie sie für den thüringischen Orgelbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts typisch ist. Die Winkelmechanik wurde vor allem durch den bedeutenden Orgelbauer Johann Friedrich Schulze aus Paulinzella eingeführt, von dem sie um 1840 auch der Erbauer der Wülfingeroder Orgel Gottlieb Knauf und dessen älterer Bruder Friedrich Knauf (1802-1883) in Großtabarz und Gotha übernahmen. Diese Orgelbauer stehen also in einer erst in den letzten Jahrzehnten zunehmend beachteten und gewürdigten Tradition des Thüringer Orgelbaus.

Typisch für die Orgeln Gottlieb Knaufs ist auch die u.a. infolge großzügig bemessener Ventile etwas schwere Spielweise, die manchen „Orgelvirtuosen" abschreckt, besonders aber das Fehlen von Zungenstimmen. Diese zweifellos sehr effektvollen Register (vor allem die beliebte Posaune im Pedal) sind nicht etwa „eingespart", sondern bewußt weggelassen, da die Dorforganisten erfahrungsgemäß das erforderliche Nachstimmen nicht beherrschten oder dazu keine Lust hatten - so waren die teuren Zungen bald eher ein Ärgernis als eine Bereicherung des Orgelklangs. Knauf ersetzte sie durch das sogenannte Cornett, eine gemischte Stimme im Hauptmanual, die im Plenum der Wülfingeroder Orgel eine ungemein prächtige Klangwirkung entfaltet.

Knaufs Spezialität waren die nicht allein aus Preisgründen vorwiegend benutzten Holzregister. Viele dieser Orgeln wurden deshalb das Opfer des gefürchteten Holzwurms. Erstaunlicherweise blieb die Wülfingeroder Orgel davon verschont. Die Holzregister bewirken den typisch romantischen, dunklen Klang dieser Orgeln, der allerdings in den 30er bis 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geradezu verfemt war. Zahllose Orgeln der Romantik wurden deshalb wohlmeinend „barockisiert" und damit klanglich entstellt. Glücklicherweise entging die Orgel in Wülfingerode diesem Schicksal, so dass wir uns an dem originalen Klang erfreuen dürfen.

Der langjährige Pfarrer in Wülfingerode, Fritz Domann, der sich als Denkmalschützer im Kreis Nordhausen verdient gemacht hat, hat seine Orgel stets besonders geschätzt und war auch einer der Initiatoren und Förderer der vor einigen Jahren erschienenen Monographie über die Orgelbauerfamilie Knauf.

Nach Domanns Tod wurde es leider still um dieses schöne Instrument. Aus Unkenntnis oder Übermut kam es im Innern zu schweren Schäden an der Traktur, so dass die Orgel unspielbar wurde. Nach provisorischem Flicken der abgerissenen Abstrakten konnte man zwar wieder ihre Klangpracht ahnen, aber die Orgel muß natürlich nach Jahren nicht nur einmal wieder gestimmt werden, sondern verdient eine denkmalgerechte Restaurierung.

Es wäre nicht nur kurzsichtig, ein derartiges Instrument zu „entsorgen" und durch eine modische Computerorgel zu ersetzen, die zwar gegen Holzwürmer immun ist, aber mit Sicherheit keine 150 Jahre überlebt - es wäre angesichts der ohnehin großen Verluste romantischer Orgeln durch Vandalismus und verfehlte Umbauten eine Kulturschande.

Die Orgel in Wülfingerode besitzt 2 Manuale und Pedal mit folgenden 16 Registern:

Hauptwerk:

Quintatön                         

16'

Viola di Gambe                

8'

Principal          

8'

Hohlflöte                          

8'

Bordun                            

8'

Octave                            

4'

Octave

2'

Mixtur

3-fach 2'

Cornet

3-fach

Oberwerk:

Lieblich Gedackt

8'

Geigenprincipal

8'

Viola d'amur

8'

Flaute traversa

4'

Pedal:    

Violonbaß

16'

Subbaß

16'

Octavbaß

8'

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Manualumfang: CCis-d3, Pedal: CCis-d1.

Nebenzüge: Pedalcoppel, Manualcoppel, Windablaß, Kalkantenwecker.Mit dem Kalkantenwecker erinnerte der Organist früher den Bälgetreter (Kalkanten) daran, „Wind zu machen". Die Bälge stehen im Turm. Jetzt übernimmt ein elektrisches Gebläse die Arbeit des Bälgetreters.

Die Knaufs gehörten zu ihrer Zeit zu den produktivsten Orgelbauern in Thüringen. Ihre Orgelbau-Werkstatt in Bleicherode wurde 1838 von Gottlieb Knauf (1810-1872) gegründet, nachdem er als Mitarbeiter seines Bruders Friedrich Knauf aus Großtabarz an Orgelbauten in Klettenberg (1833), Holbach und Liebenrode (1835) und zuletzt Bleicherode (1838) beteiligt war.

1872 übernahm Gottlieb Knaufs Sohn Robert (1839-1900) die Werkstatt. Dessen Sohn Ernst Knauf (1869-1904) begann um 1895 mit dem Bau pneumatischer Trakturen. 1904 wurde der Orgelbauer Friedrich Johnsen aus Humtrup bei Flensburg Gesellschafter und nach dem Tode von Ernst Knauf Alleininhaber der Firma, die aber schon 1908 in Konkurs ging. Der bei Knauf und Johnsen tätige Orgelbauer Jakob Kiessling gründete daraufhin 1910 mit seinen Söhnen Georg und Ernst eine eigene Firma, die bis 1939 in Bleicherode bestand und viele Knauf-Orgeln in Pflege hatte.